Mit Ende dreißig bin ich nun an einem Punkt angekommen, an dem ich mich früher nie gesehen habe. Als ich jung war, habe ich mir einen Beruf gesucht, bei dem ich nicht am Schreibtisch sitzen musste. Außerdem habe ich darauf geachtet, etwas zu tun, was ich mir zutraute. Meine Wahl fiel zunächst auf eine Ausbildung zur staatlich anerkannte Erzieherin. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu sein. Mit Kindern zu leben, ihnen die Welt zu zeigen, ihnen dabei zu helfen, diese zu entdecken und sich zu mündigen und demokratisch denkenden und fühlenden Menschen zu entwickeln, war jahrelang meine Passion und machte mich glücklich. Da ich nach der elften Klasse die Schule geschmissen hatte, war ich natürlich sehr froh darüber, im Zuge meiner Ausbildung die Fachhochschulreife gratis und frei Haus inklusive zu bekommen. Mit Ende zwanzig, als ich zwar nicht genug von den Kindern hatte, mich jedoch langsam aber sicher nach einer Veränderung in meinem Leben sehnte, lebte ich als alleinerziehende Mutter mit einer Ganztagsstelle und einem Dreijährigen alleine. Die Jahre als alleinerziehende Mutter waren hart und mit Sicherheit die schwierigsten meines Lebens. Neben der Tatsache, dass viele Männer jenseits der Dreißig offenbar denken, eine alleinerziehende Frau könne dankbar sein, wenn sie überhaupt noch einen Typen findet, der nicht nach dem dritten Mal Sex wieder verschwindet, war mein Leben als Erzieherin in einer Führungsposition geradezu lächerlich schlecht bezahlt. Wegen der unzähligen Abendtermine und Sitzungen gingen jeden Monat auch noch einige Hunderter an diverse Babysitter über meinen Wohnzimmertisch, und es wurmte mich sehr, diesen Jungs und Mädels für Fernsehen plus Cola und Chips fast mehr in der Stunde zu zahlen, als ich selbst verdiente.
Als ich meinen jetzigen Mann kennenlernte, war uns beiden schnell klar, dass wir eine Wohnung oder ein Haus kaufen wollen, und so landeten wir ganz unverhofft im Odenwald. Auch ein gemeinsames Kind wollten wir bekommen, und so bin ich schließlich, nachdem ich etwa ein Jahr lang jeden Tag 150 Kilometer zu meiner alten Arbeitsstelle gegurkt bin, als frischgebackene Babymama zu Hause geblieben.
Der Rest ist schnell erzählt: Mir war klar, dass ich auch weiterhin arbeiten wollte, aber nicht mehr in meinem alten Job. Ein Studium kam nicht infrage, da ich nicht gewusst hätte, was ich überhaupt studieren soll. Mein Mann sprach immer wieder davon, dass er gern etwas verkaufen wollte – und da ich mich sehr für Mode und ganz besonders für exklusive Kindermode interessierte, war die Idee zu Butterzart, der exklusiven Boutique für Kindermode, geboren. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung unseres Onlinestores bezogen wir größere Räumlichkeiten, und genau zwei Monate später wurde meine zweite Tochter und somit mein drittes Kind geboren.
Ich weiß nicht, wie ich die ersten Monate und Jahre mit Kindern, Haushalt und Arbeit geschafft habe. Es ging einfach immer irgendwie. Aber eins steht fest: Ich bin dabei mit Sicherheit am meisten auf der Strecke geblieben, auch wenn ich das in dieser Zeit nicht so empfunden habe. Meine Eltern und Schwiegereltern haben uns so gut es ging unterstützt. Mein Mann hat neben seiner eigentlichen Arbeit nächtelang an der Technik unseres Onlineshops geschuftet und aus dieser Zeit (er möge es mir verzeihen) ein paar graue Haare übrigbehalten. Es war wie ein Sog, und auch wenn ich knapp zweieinhalb Jahre lang nicht beim Frauenarzt gewesen bin und auch der Frisör mich nur einmal im Jahr zu Gesicht bekam, war ich nicht unglücklich mit meinem Leben. Wie maßlos und unendlich erschöpft ich war und immer noch bin, fiel mir erst auf, als der Onlineshop schon längst geschlossen war und ich anfing (oder besser anzufangen versuchte), zu Hause zu arbeiten.
Ich musste einiges an Lehrgeld zahlen und fand meinen Start als Autorin geradezu abenteuerlich und schrecklich. Mein Frust wuchs stündlich an, und darunter mussten meine Familienmitglieder leiden. Für alle unter euch, die mit dem Gedanken spielen, in Zukunft zu Hause zu arbeiten, oder es schon tun und dabei unglücklich oder frustriert sind, habe ich meine heutigen 10 Tipps aufgeschrieben, die euch vielleicht ein wenig weiterhelfen können.
- Schaffe dir eine ungestörte Arbeitsatmosphäre. Ein Arbeitsplatz, der nur DIR gehört – und falls du arbeitest, während deine Familienmitglieder oder jüngere Kinder zu Hause sind, auch ein Ort, an dem du die Tür hinter dir zumachen kannst.
- Die Arbeit ist nicht dein Leben, sondern nur ein Teil davon. Auch ein Mensch mit Homeoffice hat ein Anrecht auf Arbeitszeiten.
- Wenn du arbeitest, arbeitest du. Wenn deine Kinder zu Hause sind und deine Arbeitszeit um ist, verbringe fröhliche Stunden mit deinen Kindern und GENIESSE diese!
- Gib die Idee auf, alles allein zu schaffen. Das musst du nicht, und das kannst du nicht. Du kannst nicht alle Schnupfennasen abputzen, deine Firma aufbauen, das Haus wienern und gleichzeitig neben der perfekten jahreszeitlichen Deko täglich ein Fünf-Gänge-Menü zaubern. Vergiss es einfach jetzt und sofort. Hol dir Hilfe, die dich bei den alltäglichen Haushaltsaufgaben unterstützt oder dir etwas von dem abnimmt, was du neben deinem Job nicht schaffst. Am wichtigsten sind deine Familie und du selbst. Vergiss das nicht.
- Organisiere eine Kinderbetreuung, die dir und deinen Arbeitszeiten entspricht. Neben der Arbeit brauchst du auch Zeit für dich selbst. Nimm sie dir und plane sie mit in dein Arbeitspensum ein.
- So lange die Kinder unterwegs und betreut sind, lasse das Telefon und den Computer eingeschaltet, sofern es dich nicht in Arbeitsabläufen behindert. Sobald sie nach Hause kommen, schalte den Computer auf Stand-by und das Telefon auf die Anrufbeantworterfunktion. Du und vor allem deine Kinder, ihr habt deine volle Aufmerksamkeit verdient.
- Die Erziehung nicht vergessen! Auch wenn du viel und noch mehr zu tun hast und die Kinder wild und wilder sind – jetzt ist der Zeitpunkt, sie zu erziehen. Es ist deine allerwichtigste Aufgabe, und kein Erfolg im Beruf kann so wertvoll sein, wie die kleinen Damen und Herren zu glücklichen, verantwortungsbewussten, sozialen, loyalen, organisierten und an Geist und Körper gesunden Menschen zu erziehen oder sie zumindest dabei zu begleiten.
- Plane euren Speiseplan. Wenn die Zeit knapp ist und das Budget es erlaubt, plant zwei bis drei Abende in der Woche ein, an denen Essen bestellt wird. Wir genießen solche Pizza- oder Döner-Abende immer sehr. Keiner steht in der Küche, und alle Aufmerksamkeit gilt der Familie am Tisch.
- Wann ist euer Paar-Tag? Neben deinen unzähligen Jobs als Köchin, Chauffeurin, Gärtnerin, ambitionierte Windelwechslerin, Haushälterin, Erzieherin, Fotografin, Menüplanerin und Businessfrau bist du noch Ehefrau, Partnerin, Geliebte? An welchem Tag in der Woche „datest“ du deinen Mann? Seit wir ein Au-pair haben, „daten“ wir uns sogar zwei bis drei Mal in der Woche. Ich muss euch sagen, es ist fantastisch! Es gibt nichts Besseres, als einen Abend lang die Kinder und den Alltag hinter sich zu lassen, und das mit dem Partner, der euch vervollständigt. Gönnt es euch!
- Schöne gemeinsame Ausflüge bescheren euch wundervolle Ideen und noch wundervollere Familienerinnerungen. Diese sind wichtig und toll, deshalb solltet ihr unbedingt und regelmäßig mehr davon erleben und Zeit darin intensivieren. Was aber in meinen Augen gern und immer wieder vergessen wird, ist, euren Kindern so oft es geht und irgendwie passt zu sagen: Ihr seid die wichtigsten Menschen auf dieser Welt, und ich bin die reichste Frau auf dieser Erde, weil ich EUCH habe.
Wenn das kein schönes Schlusswort war. Freut euch jetzt schon auf den zweiten Teil meiner Tipps für die Mama (fast) allein im Home Office!
Alles Liebe,
Nina
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